25. September 2009 von Redaktion
Alle vier Jahre steigen, pardon fahren die deutschen Politiker herunter von ihrem Olymp und lassen sich wählen. Spätestens nach der ersten Hochrechnung verschwinden sie dann auch gleich wieder hinauf, natürlich nicht ohne sich vorher zum Sieger zu erklären und dem Volk eine gute Note auszustellen für den richtigen Entscheid. Uns Schweizer überrascht immer wieder, woher ein Politiker sich das Recht nimmt, eine Wahl des Volkes als richtig oder falsch zu qualifizieren. Aber in Deutschland stehen die Politiker ja bekanntermassen über dem Volk, was dort niemand aufzuregen scheint.
Schröder überzeugte am meisten
Die Zeit vor den Wahlen nennt man dann Wahlkampf und ist für die “Volksvertreter” eine ziemlich unangenehme Pflichtübung, denn statt in Brüssel, an internationalen Treffen oder am Strand für die Interessen des Landes und den Frieden in der Weltgemeinschaft zu kämpfen, müssen sie durch die deutschen Städte ziehen und mit den Bürgern Bier trinken. Überzeugt hat in dieser Rolle bisher eigentlich nur Gerhard Schröder.
Wie immer mischen sich die Politiker als “Zuhörer für die Nöte des kleinen Mannes” unter das Volk, wobei sie dann eine lange Rede halten und bevor ein paar Fragen gestellt werden können, zum nächsten Termin hetzen. Im Gegensatz zur Schweiz kommen sie nicht mit dem Velo zur Veranstaltung, sondern führen dem Volk auch gleich noch die ganzen Spitzenprodukte der deutschen Autoindustrie vor, immer begleitet von einem Tross Journalisten.
Es gibt was für alle
Egal wie wenig die Politiker auch in den letzten Jahren erreicht haben, eines wissen sie immer: was sich in dieser Republik alles ändern muss! Ihr Lieblingsthema überhaupt. Auf die Frage, warum er es den in seiner Amtszeit nicht getan hätte (Versager!), kommt bei unserem nördlichen Nachbar ganz selten jemand. Und wenn doch, dann waren – wie immer bei Politiker – die anderen Schuld.
Noch deftiger tragen sie bei den Wahlversprechen auf. Der eine verspricht 4 Mio. Arbeitsplätze, der andere Steuersenkung, der nächste 100% erneuerbare Energie … Politikergeschwätz, das gar nie umgesetzt werden kann, weil einfach kein Geld da oder es technisch nicht realisierbar ist. Kein Schweizer Stimmbürger würde nur eine Minute darüber nachdenken. Doch ganz anders in Deutschland. Dort traut man den Politiker geradezu übernatürliche Fähigkeiten zu und nimmt sich sogar noch die Zeit nachzufragen, wie er den das umsetzen will. Belohnt wird die Dummheit des Fragenden dann meist noch mit viel mehr konzeptloses Geschwätz.
Wie immer kommt dann auch das Volk zu Wort. In einer Publikumsdiskussion forderte eine Bürgerin von Steinmaier, die Volksinitiative einzuführen. Dieser stimmte ihr natürlich zu und versprach, sich verstärkt für das Mitwirken des Volkes am politischen Gestaltungsprozess zu engagieren. Jeder Schweizer versteht darunter folgendes: “Warum sollte ich mir nach dem Wahlkampf vom Volk dreinreden lassen. Bestenfalls richte ich eine Webseite ein, wo ihr Euren Frust reinschreiben könnt.” Ganz anders in Deutschland, die Bürgerin war mit der Antwort zufrieden.
Wahlkampf ohne Inhalte
Noch tiefer sinkt das Niveau, wenn man Bürger oder nichtpolitische Prominente in die Talkshows einlädt. Der erste behauptet dann, die deutsche Politik sei von Lobbyisten gesteuert, der zweite kontert, es liege am Wahlsystem und der dritte plädiert für eine neue soziale Vorwärtsstrategie ins vierte Jahrtausend. Und dass innerhalb von drei Minuten! Der Titel der Talkshow: Wahlkampf ohne Inhalte.
Man merkt deutlich, auch nach 70 Jahren ist in Deutschland das Volk nicht mehr als Stimmvieh, dass alle 4 Jahre einmal an die Urne getrieben wird. Der Wahlkampf kommt uns vor wie der Karneval: keine Peinlichkeit ist gross genug, um nicht ausgesprochen zu werden. Konsequenzen hat es keine: am Wahlabend ist alles vergessen – und die Götter sind wieder auf dem Olymp. Aber eben, jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.
Wie die “Schicksalswahl” ausgehen werden? Wen interessiert’s?
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