4. Juli 2009 von Herakleitos
Die Bedrohungslage muss Aufstellung, Bewaffnung und Grösse der Armee bestimmen. Heute geht die Bedrohung aus von völlig überraschenden, nicht voraussehbaren, gefährlichen Entwicklungen. Dies verlangt von der Armee hohe Bereitschaft. Das Milizprinzip – viele gut ausgebildet, möglichst wenige ständig unter Waffen – ist damit aktueller denn je.
Effizienter, bedrohungsgerechter Einsatz der Armee muss immer ausgehen von sorgfältiger Beurteilung der strategischen Lage.
Die Bedrohung
ie Welt, auch Europa befinden sich in einer Phase tiefgreifenden Umbruchs. Wer hätte auch nur vor einem Jahr die Schwere der Krise vorausgesehen, von der gegenwärtig die ganze Welt durchgeschüttelt wird? Unruhen und Unrast als Krisenfolge sind nicht unwahrscheinlich. Was bedeutet das für die Sicherheitslage?
Vor knapp einem Jahr hat Europa etwas erlebt, an was selbst Strategen nicht mehr geglaubt haben: Einen rein konventionellen, einen sozusagen «klassischen Krieg», ausgefochten mit schweren Mitteln vor allem am Boden. In Georgien. Russland strebt wieder nach Grösse. Georgien, nur noch Interventionskräfte als Teil einer Nato-Eingreifgruppe unterhaltend, war völlig überrascht, innert Stunden geschlagen.
Lehre ist daraus zu ziehen: Die derzeit gefährlichste, am schwierigsten in Schach zu haltende Bedrohung heisst «strategische Überraschung». Niemand kann auch nur im entferntesten voraussagen, welche Sicherheitsprobleme Europa in sechs Monaten, in einem Jahr, in zwei, drei, fünf Jahren bedrängen werden. Auch heute Undenkbares kann plötzlich Tatsache werden.
Die Antwort
Was heisst das für die Schweizer Armee? Zunächst: Die Armeeführung muss vor allem Abschied nehmen vom Gedanken, die Armee hätte sich bloss auf den «wahrscheinlichsten Fall» vorzubereiten, den man dann in Kooperation mit anderen Armeen bewältigen werde. Nein: Bundesrat und Armeeführung haben sich auf äusserst überraschend eintretende Tatsachen und Entwicklungen vorzubereiten. Bundesrat und Armeeführung sind intensiv und sorgfältig darauf zu trainieren, sich in realistischen Übungen intensiv mit Antworten auf strategische Überraschungen zu befassen. Solcher Führungsaufgabe ist in Zeiten tiefgreifenden Umbruchs höchste Priorität beizumessen. Das Training muss sofort beginnen.
Die Armee hat sich gewiss nicht auf den vermeintlich wahrscheinlichsten, sie hat sich vielmehr auf den schwierigsten Fall vorzubereiten. Bewältigt die Armee schwierigste Herausforderungen, dann meistert sie auch einfachere Aufgaben. Dies ist in anspruchsvollen Übungen – sowohl Stabsübungen als auch Truppenübungen – intensiv zu trainieren. Die schwierigste, herausforderndste Aufgabe der Armee ist die Landesverteidigung. Nicht Landesverteidigung von gestern. Landesverteidigung angesichts heutiger Bedrohung vielmehr, auf moderne Waffensysteme, moderne Angriffsmethoden (auch terroristische!) ausgerichtet. Im Bewusstsein, dass unversehens völlig Überraschendes Tatsache werden kann.
Miliz- oder Berufsarmee?
Was für eine Armee benötigt die Schweiz in einer Zeit, da aus der strategischen Überraschung die gefährlichste Bedrohung hervorgeht? Die Milizarmee unterliegt dem Prinzip, dass möglichst viele junge Männer und immer mehr auch Frauen sorgfältig und intensiv zur Bewältigung von Armeeaufträgen ausgebildet und ausgerüstet, möglichst wenige aber ständig unter Waffen gehalten werden. Dieses Konzept hat nichts an Aktualität und Richtigkeit eingebüsst. Mit anderen Worten: Die gut ausgebildete, zeitgemäss ausgerüstete Milizarmee ist für den neutralen Kleinstaat die beste Voraussetzung, in der Landesverteidigung auch vor strategischer Überraschung bestehen zu können. In Zeiten, da strategische Überraschung die gefährlichste Bedrohung darstellt, gewinnt das Milizprinzip an Bedeutung. Zusammen mit strikt gehandhabter Neutralitätspolitik. Die dafür sorgen muss, dass unser Land auch in Zeiten überraschender, nicht voraussehbarer Entwicklungen nicht leichtfertig und ungewollt in Konflikte hineingezogen wird, die es direkt nicht betreffen, aus denen es sich möglicherweise aber nicht mehr herauslösen könnte.
Gibt es Alternativen zur gut ausgebildeten Milizarmee? Die Linke träumt von «freiwilliger Miliz». Was ist darunter zu verstehen? Ist diese freiwillige Miliz ausgebildet? Kann sie aus dem Stand vor schwerer militärischer Herausforderung bestehen? Glaubt man ernsthaft, im Notfall würden sich Tausende dem Land selbstlos zur Verfügung stellen für dann plötzlich erforderliche schwierige Einsätze? Das sind doch Träumereien! Eine nicht ausgebildete Armee macht keinen Sinn, weil sie im Ernstfall versagt.
Einzig ernsthafte Alternative zur Milizarmee ist ein Berufsheer. Nur: Ein Berufsheer muss entlöhnt werden. Die Linke denkt offenbar an fünfzigtausend Mann. Pro eingeteilten Armeeangehörigen müsste wohl mit durchschnittlichen Lohn- und Sozialleistungskosten von mindestens hunderttausend Franken jährlich gerechnet werden. Ein Berufsheer von fünfzigtausend Mann würde also bereits fünf Milliarden kosten – eine Milliarde mehr als die heutige Armee. Mit diesen fünf Milliarden wäre allerdings noch keine Uniform, keine Waffe, kein Flugzeug, keine Unterkunft, keine Verpflegung, noch rein gar nichts für den Betrieb der Armee finanziert. Mit anderen Worten: Auch ein gegenüber der heutigen Armee weit kleineres Berufsheer wäre unendlich viel teurer als unsere Milizarmee heute.
Unbezahlbar
Ein Berufsheer ist schlicht unbezahlbar. Natürlich werden die effektiven Kosten für unser heutiges Milizheer zu einem Teil auch der Wirtschaft aufgebürdet. Weil von der Wirtschaft erwartet wird, dass sie Mannschaft und Kader jährlich für beschränkte Zeit der Armee zur Verfügung stellt. Allerdings: Auch die Wirtschaft schätzt die Sicherheit, welche die Schweiz garantieren kann. Die Wirtschaft profitiert von dieser Sicherheit. Sicherheit ist nicht gratis. Auch die Wirtschaft muss dazu beitragen – indem sie gewisse Milizkosten mitträgt.
Übrigens: Eine moderne Armee muss – wenn beispielsweise ein Terrorakt droht – auch grossflächig wichtige Installationen, beispielsweise eine Haupttransversale der SBB absichern können. Mit fünfzigtausend Mann wäre die Armee angesichts eines solchen Auftrags rasch am Anschlag. Sicherungsaufgaben sind mannschaftsintensiv. Sie sind Teil moderner Armeeaufträge angesichts Bedrohungen unserer Zeit.
Demokratische Kontrolle
Eine Armee, welche sich aus Bürgern des Landes zusammensetzt, die gleichzeitig in der Familie, in der Wirtschaft, in Politik und Gesellschaft ihren Mann und ihre Frau stellen, ist am besten davor gefeit, von Ehrgeizlingen und Machthungrigen missbraucht zu werden. Nichts Gefährlicheres als eine Berufsarmee, die untätig in Kasernen herumsitzen muss. Dort, wo der Staatsbürger, der den Staat im Rahmen der direkten Demokratie selbst mitgestaltet, den Staat in der Armee auch schützt, dort ist für Missbrauch der Armee kein Platz.
Zur Wehrpflicht gehört auch der Zivilschutz. Es ist richtig, dass die Tauglichkeitsrate für die Armee tief, zu tief gesunken ist. Aber immerhin: Auch im Zivilschutz, auch für den Bevölkerungsschutz wird Dienst an der Allgemeinheit geleistet. Werden beide Aufgaben, die für die Gemeinschaft zu leisten sind, ins Visier genommen, darf sich die Tauglichkeitsrate auch heute durchaus noch sehen lassen. «Wehrgerechtigkeit» ist noch gewährleistet.
Fazit
Eine brauchbare Alternative zur gut ausgebildeten, gut ausgerüsteten Milizarmee, die möglichst viele junge Schweizer für militärische Aufgaben ausbildet, möglichst wenige aber ständig unter Waffen hält, existiert nicht. Die Milizarmee ist die taugliche Antwort auf Bedrohungen von heute.
Ulrich Schlüer
Quelle: Brisant vom 03.07.2009
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Die Willensgemeinschaft bekommt ein Fundament. Es macht Sinn. Überlegung und Argumentation sind schlüssig. Ergänzen würde ich noch: Frauen sollten auch Militärdienst leisten – wie in Israel. Dies vermag die Gemeinschaft zu zementieren, Bande zu knüpfen.
Sehr guter Bericht von Herr Schlüer über die Lage der Nation und zeigt einmal mehr seine Weitsicht und sein Wissen über das Thema Wehrpflicht.
Die Lage ist wie die Ruhe vor dem Sturm, oder anders gesagt, die Raub-Katze lauert im Dunkeln.
Eine Armee die ruht, fängt an Rost anzusetzen, sie muss jeden Tag aufs neue traniert werden, wie der Sportler für seine Disziplin üben muss um Erfolg zu haben.
Ob nun Miliz oder Berufs-Armee? Würde ich sagen, beides ist sehr gut, ein Mix von Beruf- und Miliz-Armee finde ich eine gute Mischung, daurch ensteht ein starker Klassen-Geist un der muss gefördert werden, er führt zum Schlüssel des Erfolges.
Voraussetzung sind aber auch sehr gute Waffen und Kenntnisse und Geräte aller Art die zur Sicherung einfach dazu gehören, denn der Feind schläft nicht, er ist da und lauert und wartet auf seine Chance für eine Überrachung, um die Gegner zu verwirren.
Das Hauptproblem der Armee ist nicht prioritär die Organisationsform, sondern der Auftrag. Und schon da scheiterts in den Räten regelmässig. Die (leider auch für die Rechte) bequeme Kompromissformel ist die schlichte PR-Armee. Solange die Armee nicht mehr als das Werkzeug gesehen wird, gegnerische materielle und menschliche Mittel am effizientesten vernichten zu können (und ausschliesslich dies), braucht es keine weiteren Diskussionen. In der Armee herrscht seit 1989 nicht mehr die Angst vor einem Angriff, sondern die Angst vor negativer Presse. Alles Folge dieser feigen Sinnentleerung. Also prostituiert man sich auch für den genuinen Feind, die Roten. Man z.B.unterstützt öffentlich Dimitri’s Ideen für einen Somalia-Einsatz, der weder mit der Ausrüstung, geschweige denn mit der Ausbildung gewährleistet werden kann. Man missbraucht weiterhin Wehrmänner als billige Arbeitskräfte (ich hab’s als Kdt u.a. an der EXPO 02 selber miterlebt). Man füllt Stäbe auf und vernachlässigt die Frontarbeit. Man erstellt Sicherheitsberichte unter Mitarbeit von Hausfrauen, solche über die Organisationsformen in der Ausbildung allerdings zuverlässig ohne die direktbetroffenen Kader.Wie man durch solchen Stumpfsinn gewünschte (und zwar wirklich gewünschte) Kader zur vermehrten Mitarbeit motivieren könnte, bleibt das Geheimnis des VBS- Establishments. Und leider auch Ueli Maurers.
@max: Ich kann ihnen nur beipflichten. Jeder Organisator eines mittelprächtig überregionalen Festes schreit nach Soldaten für Aufbau seiner Festtribüne. Gemeinden schreien für Aufräumearbeiten nach der Truppe (Ich rede hier nicht über eine Katastrophe wie vor zwei Jahren im Berner Oberland und in der Innerschweiz.), wenn es darum geht, eine Rüfe zu beseitigen. Viele Gemeindepräsidenten wissen nicht einmal, dass sie das Recht haben, zu diesem Zweck sämtliche Baufahrzeuge, die sich gerade auf dem Gemeindegebiet befinden für diesen Zweck zu konfiszieren.
Der Sicherheitsbericht ist seit Jahren nur noch ein Wischi-Waschi. Ich habe während meiner Uni-Zeit Vorlesungen in SIPOL genossen. Damals war noch Adolf Ogi Chef VBS. Schon damals sagte der Referent, dass wir ein Problem hätten, da der Chef VBS lieber einem Nato-General die Hand schüttle als einen konkreten neuen Auftrag zu formulieren. Der WAPA sei zwar in sich zusammengebrochen, das Waffenpotential aber noch immer da. Russland werde immer eine Rolle als Weltmacht spielen wollen und sich von den USA nicht zum lokalen Akteur degradieren lassen.
Geändert hat sich nichts, Russland rüstet auch heute noch frisch-fröhlich auf und erneuert seine Waffensysteme. Was geschieht im Westen? Geschwafel, Geschwafel und nochmals Geschwafel. Die GASP der EU ist spätestens seit dem zweiten Irak-Krieg definitiv ad acta. Auf die Ententestaaten F und GB ist sowieso kein Verlass, sagen A und meinen B. Das hat man bereits vor dem 2.Weltkrieg gesehen, als sie einen Militärpakt mit Stalin abschliessen wollten – unter der Preisgabe der Staaten als dessen Schutzmächte sie sich aufgespielt hatten.
Unsere Linken und Grünen streuen den kuschelnden Bürgerlichen Sand in die Augen. Das Volk wird mit armeefeindlichen Initiativen weichgekocht. Diese Situation hatten wir schon einmal – in den 30er Jahren. Auch damals blockierten die Sozialisten und Kommunisten jede Vorlage zur Erneuerung der Bewaffnung der Armee. Die Abschaffung der Armee war für beide Parteien schon damals ein Thema. Im Sicherheitsbericht 1935 erklärte der Bundesrat sogar, dass ein bewaffneter Grosskonflikt in Europa eine Vorwarnzeit von etwa 12 Jahren habe!! (Der Schweizer Auslandsnachrichtendienst hatte sich auf Deutschland fixiert und anscheinend vollkommen übersehen, dass sich F und GB – im Gegensatz zu Deutschland – überhaupt nicht an die Abrüstungsabkommen von 1918/19 hielten und die USA seit 1928 die Sowjetunion aufrüstete, was das Zeug hielt.)