Die Schweiz aus konservativer Sicht  
HARMOS
Wissen Sie, was ein «Cando-Beweisstück» ist? Etwas, das - wie Bildungs-Bürokraten behaupten - mit Bildung zu tun haben soll.
26. September 2008 von Herakleitos

Jenes Harmonisierungsprogramm, welches eine Angleichung – oder Gleichschaltung – der Volksschule in allen Kantonen der Schweiz herbeiführen soll, läuft bekanntlich unter dem sonderbar geschriebenen Begriff «HarmoS». Und neuerdings profilieren sich auch Exponenten von Wirtschaftsverbänden als enthusiastische HarmoS-Befürworter. Ob sie wirklich wissen, was sie da so überschwenglich begrüssen?

Erwartungen

HarmoS: Man durchschaut die Marotte, sprachliche Ausgefallenheit – im Zeitalter, da der Comic-Strip die Literatur regiert – als viel wichtiger zu nehmen als korrekte Beherrschung der Sprache. Solcher Zielsetzung scheinen sich wenigstens die an der Mode orientierten Bildungs-Bürokraten zu ergeben.

Nun gibt es im gesamten Wust von HarmoS-Ideen auch solche, die – im Gegensatz zu den flächendeckend vorgeschriebenen Tagesstrukturen, im Gegensatz zur generellen Schulpflicht mit vier, im Gegensatz zur beabsichtigten Ersetzung der Klassenlehrer durch «Teamplay» im Schulzimmer – bis heute kaum Opposition ausgelöst haben. Bereiche, von denen man ausser dem sie umschreibenden Schlagwort allerdings nichts Genaueres weiss. Dazu gehören die «Bildungsstandards», welche HarmoS gesamtschweizerisch einführen zu wollen vorgibt.

Am 24. September hätte man in Zürich diese «Bildungsstandards» präsentiert bekommen sollen, als die Zürcher Erziehungsdirektorin, SP-Regierungsrätin Regine Aeppli, zusammen mit einem hohen Funktionär aus ihrer Direktion (Konstantin Bähr, stellvertretender Leiter Bildungsplanung) alle Schulleiter zürcherischer Schulgemeinden über die geplanten «Bildungsstandards» zu orientieren ankündigte. Wobei sie eingangs kategorisch festhielt, die HarmoS- Bildungsstandards würden im Kanton Zürich bereits ab Beginn des kommenden Jahres, also in drei Monaten, zum Alltag in der Volksschule gehören sollen.

Das gespannte Publikum erlebte dann eine Präsentation, die man in der gezeigten Form schlicht nicht für möglich halten würde. Zunächst kommentierte die Bildungsdirektorin herablassend-wegwerfend den in der Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen zunehmend stärker sich äussernden Widerwillen von Eltern gegen HarmoS. Davon lasse man sich gewiss nicht irre machen. Die Bildungsfachleute wüssten besser, was unserer Schule bekömmlich sei. «Etwas Opposition» gehöre halt dazu.

Chaotische Vorstellungen

Dann schritt der Bildungsfachmann ans Rednerpult. Und deckte die Zuhörer mit einem von geschwollenen Fremdwörtern nur so triefenden Wortschwall ein, gespickt mit allen denkbaren und undenkbaren Slang-Ausdrücken aus dem Planning- und Controlling-Bereich, so dass dem Publikum Hören und Sehen verging. Schriftliches gab der Referent nichts ab – auf dass niemand in die Lage versetzt werde, ihn irgendwie zitieren zu können. Immerhin zeigte er Folien, vornehmlich solche, die von zuoberst bis zuunterst in dichtest gedrängter Kleinstschrift mit Buchstaben regelrecht vollgestopft waren. Ab zweiter Reihe des mit Zuhörern ordentlich gefüllten Saales konnte man nicht einmal mehr die Titel zweifelsfrei entziffern. Der Referent entschuldigte sich mit keinem Wort für derart unanständige Zumutung. Arrogant beteuerte er, mit Absicht unlesbare Folien zu zeigen, weil zu den (in drei Monaten ins Schulwesen einzuführenden) Bildungsstandards alles noch derart im Embryonalstadium, noch derart im Fluss, noch ganz in der Debattierphase sei, dass er Leserliches weder präsentieren wolle noch vorzeigen könne. So liess er seine mit Maschinengewehr-Salven von «Fachausdrücken» eingedeckten Zuhörer auf in rascher Folge durchgezogene, vollkommen unlesbare Folien starren – ein Referat-Chaos, wie man Ähnliches selten je gesehen hat.

Selbst Ohren, die Bürokraten-Slang gewohnt sind, waren restlos überfordert. Als Schlussfolgerung kann höchstens gesagt werden: Bezüglich «einheitlichen Bildungsstandards» herrscht bei den HarmoS-Planern das nackte Chaos. In drei Monaten aber soll dieses Einzug halten in schweizerische Klassenzimmer.

Fragen, die tief blicken lassen

Einige Wortfetzen aus dem Wasserfall gestelzter Schein-Fachausdrücke blieben haften: Die «Cando-Beweisstücke» beispielsweise. Früher nannte man das, was ein Schulkind gelernt hatte, eine «erlernte Fähigkeit». Heute flüchten Bildungs-Schwätzer ins Englische: Sie konstruieren aus dem Verb «can do» das Substantiv «Cando», womit die Sprachruine «Cando-Beweisstück» zum «Bildungs-Fachausdruck» für «erlernte Fähigkeit» wird (übrigens: Der Ausdruck «can do» hatte es dem Referenten derart angetan, dass er ihn xmal wiederholte. Der zweite Teil des Begriffs konnte auf völlig unlesbarer Folie nur erahnt werden. Ob die Entzifferung mit «Beweisstück» tatsächlich richtig ist, kann damit nicht mit letzter Sicherheit ausgesagt werden – tut aber eigentlich auch nichts zur Sache).

Interessant war nach dem Vortrag die – insgesamt wenig genutzte – Fragerunde. Bezeichnenderweise wurde zum eigentlichen Inhalt des «Vortrags» keine einzige Frage gestellt. Offenbar – das zu behaupten, wagen wir – hat niemand auch nur annähernd erfasst, was er vom arroganten Funktionär buchstäblich an den Kopf geschmissen bekam. Weil aber niemand sich die Blösse geben wollte, erkennen zu lassen, dass für ihn die «Bildungsstandards» Schall und Rauch blieben, wurden Fragen zur undurchdringlichen Wortlawine des Referenten gemieden. Dafür wurde Auskunft zu Handfesterem verlangt: Ob denn die Lehrmittel für den individualisierten, auf Bildungsstandards ausgerichteten Unterricht schon greifbar seien? Selbstverständlich existieren solche noch nicht. Wohl für lange Zeit noch nicht – erfuhr man doch nebenbei, dass die Lehrmittel zur letzten grossen Schulreform, auf dem Papier eigentlich längst umgesetzt, auch noch nicht existieren.

Chaos dominiert: Man flüchtet in eine neue Reform, weil die letzte aus dem Ruder läuft. Als würde aus der Addition mehrfacher Wirrnis plötzlich Klarheit entstehen.

Ein anderer Schulleiter gab sich gezeichnet vom Unwillen, welchen das neue Schulzeugnis bei Eltern und Lehrmeistern im Kanton Zürich hervorgerufen hat, weil man sich neuerdings gleichsam in Romanform über Leistungen und Nicht-Leistungen von Schülern orientieren muss. Der Fragesteller wollte wissen, ob das neue, eben erst eingeführte Zeugnis denn bleibe, wenn neu individualisierter Unterricht mit Bildungsstandards à la HarmoS eingeführt würde.

Die Erziehungsdirektorin gab sich perplex: An solche Details habe man bis heute gewiss noch keinen Gedanken verlieren können. Der Bildungsfachmann doppelte nach: Ausgestaltung und Verständlichkeit eines Schulzeugnisses, so führte er aus, das stünde innerhalb der HarmoS-Planung ganz zuunterst auf der Prioritätenliste. Seine Botschaft ist klar: Das Bedürfnis von Lehrmeistern und Eltern, die Leistung von Jugendlichen, die am Beginn ihrer Berufslaufbahn stehen, angemessen einschätzen zu können, das interessiert Bildungsfunktionäre zuallerletzt. Sie leben in der Welt der von ihnen beschworenen Schein-Fachbegriffe, als wären sie auf diese angewiesen als Schutzschilde für Vorgänge, die zu verstehen sie längst selbst überfordert sind.

Die Wirtschaft befürwortet

Anderntags vernahm man aus der Neuen Zürcher Zeitung (25. September 2008) das warme Bekenntnis des Präsidenten des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, Rudolf Stämpfli, zu HarmoS. Er hat, das sei zu seiner Entlastung gesagt, seinen Artikel wohl schreiben lassen, reiht er darin doch alle Vorzeigestücke auf, die im Schaufenster der von der Erziehungsdirektorenkonferenz lancierten HarmoS-Propaganda aufgestellt sind. Mit der Realität, vor allem mit dem offensichtlichen Chaos rund um die «Bildungsstandards» hat sich der Arbeitgeber-Präsident offensichtlich noch nie persönlich befasst. Sonst würde er als Slogan-Kopist wohl etwas vorsichtiger.

Es dürfte sich lohnen, die Überlegungen des Arbeitgeber-Präsidenten Rudolf Stämpfli aufzubewahren. Auf dass man sie den Arbeitgeber-Vertretern dann wieder unterbreiten kann, wenn das Chaos im Schweizer Bildungswesen, das die HarmoS-Funktionäre sichtbar anzurichten im Begriffe sind, sichtbar wird. Es wird kaum lange dauern.

Ulrich Schlüer

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  1. baron77

    Schule AG!
    Shareholder-Value-Denken wird anscheinend nun auch in der Volksschule eingeführt, so wie es in den letzten Jahren in der Wirtschaft, in vielen Firmen, wie Post, Swisscom AG, (SBB demnächst) passier ist.

    Dann kann die Volksschule in die Aktien steigen. Viel Vergnügen!

  2. Hemi

    “Schule AG” trifft den Nagel auf den Kopf. Gerade in Kantonen, wo HarmoS ein zusätzliches Jahr generieren würde, profitiert die Bildungsbranche, Politiker und evtl. sogar die Baubranche davon. Dass es aber im Kern eigentlich um die Kinder geht, wird dann gerne mal beiseite geschoben.

    Ich kann mich noch erinnern, wie der Luzerner Bildungsdirektor Anton Schwingruber (CVP) vor einigen Jahren in der Neuen Luzerner Zeitung hoch und heilig versprochen hat, dass es aufgrund der demografischen Entwicklung in der Bevölkerung zu keinem Stellenabbau im Bildungswesen kommt. Er hat wohl damals schon auf HarmoS “gepokert” um die besorgte Lehrerschaft schön um sich zu scharen und die Stimmen zu holen.
    Heute bedauert er das kantonale NEIN zu HarmoS natürlich zu tiefst.
    Ist ja auch logisch … sollte irgend jemand (ich zum Beispiel), diese Aussage von ihm wieder hervorkramen, könnte er in Zukunft – wenn das zusätzliche Jahr wirklich nicht kommt und es zum Stellenabbau kommt – ziemlich in die Bredouille geraten.


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