31. August 2008 von Herakleitos
Welche Schlüsse zieht die Schweizer Armeeführung?
Die georgische Lektion
Russlands Intervention in Georgien hat bis auf weiteres unkorrigierbare Tatsachen geschaffen: Die Russen erweisen sich als Herren ihres strategischen Vorfeldes. Sie bestimmen, was dort geschieht. Die Nato ist zur Zuschauerin degradiert.
Klar ist inzwischen: Die georgische Armee hat gegen die russische Intervention völlig versagt. Dabei stellt Georgien das drittgrösste Kontingent der in Irak stehenden (und kämpfenden) Truppen. Die Leistungen der Georgier im Irak werden allgemein als gut anerkannt.
Georgiens Armee: Nur Interventions-tauglich
Die georgische Armee, eingeschworen auf Partnership for Peace-Programme der Nato, wird von US-Militärberatern geschult. Jetzt zeigt sich: Georgiens Armee wird ausschliesslich auf die Funktion «Kooperations-Armee» ausgebildet – im Verbund mit Nato-Streitkräften irgendwo auf der Welt. Diese Aufgabe erfüllt die georgische Armee offenbar gut.
Als verhängnisvoll erweist sich heute, dass Georgien den Verteidigungsfall nie geübt hat. Für den Auftrag «Verteidigung» fand keinerlei Ausbildung statt. So dass die georgische Armee nicht einmal das Nadelöhr für den Einfall ins eigene Land, einen – an sich äusserst leicht zu sperrenden – Tunnel auf den Verteidigungsfall vorbereitet hatte. Die Russen hatten mitsamt schwerem Material freie Durchfahrt. Die georgische Armee war innert weniger Stunden erledigt. Georgiens an sich respektable Luftwaffe kam, nicht für Verteidigung trainiert, nicht einmal zum Einsatz.
Die Partner, auf die Tiflis (vielleicht) vertraut hatte, erschienen nicht. Deren in Georgien stehende Militärbeobachter – zwei der vier dazu eingesetzten Schweizer befanden sich gerade in den Ferien (!) – hatten zu den Vorbereitungen der russischen Intervention nichts beobachtet. Was Georgien an Verteidigungsleistung bot, war nackter Dilettantismus.
«Vorbilder» für die Schweiz?
Vor wenigen Monaten organisierte die Milak (die Schweizer Militärakademie, früher bescheidener Militärwissenschaftliche Abteilung genannt) an der ETH eine Tagung («Brisant» berichtete davon am 14. März 2008) über
«zeitgemässe» Streitkräfte. Ganz im bewunderten Mittelpunkt standen Staaten, die Verteidigung aus dem Armeeauftrag gestrichen hatten, die ihre Armeen nur noch für Interventionen an der Seite der Nato irgendwo in der Welt unterhielten. Schweden, das solche Reform konsequent durchgeführt hatte, fand dabei die höchste Bewunderung.
Nach der russischen Georgien-Intervention ist den Schweden – wie andern Grenzstaaten zu Russland auch – der Schrecken in alle Glieder gefahren: Ist – nachdem Schweden alle Verteidigungsleistung aus dem Armeeauftrag gestrichen hat – bald wieder mit russischen U-Booten vor Schwedens Küste in der Ostsee zu rechnen? Schweden nimmt mit Schrecken wahr, dass seine Armee – von den Schweizer Militärakademikern vor wenigen Monaten noch als Vorbild für zeitgemässe Armeen in den Mittelpunkt gestellt und bewundert – verteidigungsuntauglich ist gegen den stärksten, offensichtlich nicht einfach stillesitzenden Nachbarn.
Ist die Schweiz vorbereitet?
Ob die Schweizer Armeespitze Schwedens Reaktion auf den russischen Georgien-Einsatz wenigstens registriert hat? Immerhin: In der Schweiz finden nach langen Jahren ausschliesslicher Computerspiele wieder militärische Übungen statt. Übungen mit Panzern, mit Panzergrenadieren, mit Infanteristen, mit Soldaten. Die Übungsanlage mutet Schweizer Panzertruppen selbst in Übungen allerdings bloss noch einen Aufmarsch zu, wenn feindliche Luftwaffen-Aktivität ausbleibt. Mit Verlaub: Eine solche Übungsanlage ist absurd unrealistisch, dümmer als jedes Sandkastenspiel.
Und trotzdem wurden noch schwere Mängel sichtbar. Armeespitze und VBS wiegeln ab: Man sei in einer «Lernphase». Man werde aus den eingetretenen Fehlern Lehren ziehen. Schön! Nur: Auch die Georgier haben gegenwärtig eine Lektion zu verkraften. Für viele junge Georgier setzt der Lernprozess freilich zu spät ein. Sie haben die Lektion, aus der zu lernen wäre, schlicht nicht überlebt. Die falsche, von der Armeespitze zu verantwortende Strategie haben sie mit ihrem jungen Leben bezahlt.
Kriegsgenügen als Auftrag
Ob die Schweizer Armeespitze diese tödliche Lektion zur Kenntnis nimmt? Und daraus Konsequenzen zieht? Eine Armee ausbilden heisst (und hiess vor Jahren auch noch für die Schweiz): Kriegsgenügen erlangen! Ausbildung in der Armee hat auf jeder Stufe – von der Armeespitze über die Brigade-Kommandanten, jeden Bataillons-Kommandanten, jeden Kompanie-Kommandanten, jeden Zugs-, jeden Gruppenführer und jeden Soldaten – Kriegsgenügen zu erreichen, zu verlangen, durchzusetzen. Diese elementare Forderung muss jeder Armee-Ausbildung zugrunde liegen. Sie scheint in der Schweizer Armeespitze von heute verlorengegangen zu sein. Man klammert sich dort an Aufwuchs-Illusionen, an zehnjährige Vorwarnzeiten, die für Ausbildungs-Rückstände und Ausrüstungslücken genutzt werden könnten. In Georgien wurde deutlich, was jenen bleibt, die Vorwarnzeit-Phantomen aufsitzen. Wer solche Phantome der Armee-Ausbildung zugrunde legt, ist zu entlassen. Sofort. Er ist in gemeingefährlichem Ausmass untauglich.
Man hätte alles wissen können . . .
Der «Spiegel» hat inzwischen in allen Einzelheiten dokumentiert, wie die Vorbereitungen, die Russland für seine von langer Hand geplante Intervention in Georgien getroffen hat, von den Nachrichtendiensten der Nato-Staaten bereits seit Monaten registriert worden sind. Diese Vorbereitungen wurden den zuständigen Regierungen und allen Nato-Kommandostellen rechtzeitig und umfassend zur Kenntnis gebracht. Nur hat niemand gehandelt. Alle liessen sich schliesslich überraschen.
Und im VBS und an der Schweizer Armeespitze klammert man sich an angebliche «Vorwarnzeiten von zehn Jahren», in denen mit Aufwuchs und in der Ausbildung Vernachlässigten bequem nachgeholt werden könne: Untauglichkeit in Reinkultur!
Militärbeobachter
Der Bundesrat sah sich inzwischen veranlasst, «Solidarität» mit Georgien zu demonstrieren. Die Schweiz entsendet acht weitere Militärbeobachter. Jene vier, die bereits – sofern nicht im entscheidenden Moment in den Ferien weilend – in Georgien standen, haben vom massiven Aufmarsch der Russen, von den grossangelegten russischen Manövern längs der georgischen Grenze in den letzten Monaten nichts bemerkt. Und jetzt versichert uns das VBS, dass «gefährliche Einsätze» für diese Militärbeobachter – weil diese unbewaffnet sind – nicht vorgesehen seien. Im Klartext: Man schickt sie an Orte, wo nichts geschieht, wo sie als Militärbeobachter nichts zu beobachten haben. Wie lange mutet man Armeen, die ernstgenommen werden wollen, wie lange mutet man Steuerzahlern, die für solch nichtsnutzige Übungen ausgenommen werden, solche Unsinn-Missionen eigentlich noch zu?
Welchen Nutzen haben die Militärbeobachter – nicht nur die schweizerischen – in den vergangenen Jahren Georgien oder der Welt gebracht? Warum verschweigt man, dass einer, der in den letzten Jahren eingesetzten, keinen erkennbaren Nutzen bringenden Schweizer Militärbeobachter, ein Luftwaffen-Major in Georgien bei einem Helikopter-Absturz zu Tode gekommen ist?
Was sind das für Leute, die bereits zwei Tage nach einem Entscheid für unbestimmte Zeit als Militärbeobachter nach Georgien geschickt werden können? Welche Verantwortung tragen sie in ihrem zivilen Beruf? Warum kann ein Betrieb derart rasch auf sie verzichten? Sind diese Leute, die über ein Geschehen an einem Brennpunkt der Weltpolitik berichten müssen, nachrichtendienstlich geschult worden? Oder ist für Militärbeobachter Ausbildung überflüssig? Weil sie bloss dekorative Funktion haben?
Entscheid am Boden
Die Russen führten gegen Georgien einen rein konventionellen Angriff mit schwerem Material. Die rasch durchgeführte Zangenbewegung, die Tiflis – dessen Besetzung wahrscheinlich grosse Probleme bereitet hätte – beidseitig umfuhr und einschloss, erfolgte mit beeindruckender Schnelligkeit und Perfektion. Dieser Feldzug wurde nicht aus dem Stand improvisiert. Dieser Vorgang war ein genau geplanter und eingeübter Schlag.
Der ganzen Welt wurde demonstriert: Besetzung findet am Boden statt. Wer Besetzung verhindern will, muss den Angreifern am Boden widerstehen können. Eine Lehre, die in Nato-Handbüchern, an welche auch die Schweizer Armeeführung kritiklos glaubt, höchstens in Fussnoten vorkommt.
Wäre «kriegsgenügende Verteidigung» der zentrale Auftrag an die Armee, dann würde derjenige, der für die derzeit in der Schweiz offenbar fehlende Panzermunition – Folge des anhaltenden Logistik-Chaos – verantwortlich ist, als untauglich sofort in die Wüste geschickt. Die panzerbrechenden Verteidigungswaffen der Infanterie fehlen indessen nicht aus Nachlässigkeit. Sie wurden vielmehr auf Geheiss des VBS grösstenteils liquidiert. Weil der Verteidigungsauftrag nicht mehr ernstgenommen wird. Dem Parlament wurde dazu nur berichtet – obwohl mit diesem Liquidationsbefehl eine strategische Neu-Ausrichtung der Armee in gravierendstem Ausmass erfolgt ist, die sich heute nun als schwerwiegend falsch herausstellt.
Man darf wirklich gespannt sein, ob Bern die Kraft besitzt, wenigstens einige richtige Schlussfolgerungen aus der «Lektion Georgien» zu ziehen.
Ulrich Schlüer
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ich glaub nicht, dass unsere armeeführung aus diesem fall lernt. es ist nicht “IN” etwas für die armee zu tun. “IN” ist es aber, die armee schlecht zu reden, zu demontieren und wenn mann dann genug vernichtet hat – die armee in frage zu stellen.
der krieg in georgien wird als “Ausnahmefall” gehandelt und es wird so weitergewurschtelt wie bisher.
ich bin dafür, dass man eine Liste macht. auf dieser Liste landen alle namen/personen die aktiv an der demontage der schweiz gearbeitet haben. sollte dann mal ein agressor vor der türe stehen und ins land einrollen, sollte man die leute auf dieser liste exekturieren und zwar mit einem schuss in den hinterkopf. die scheisse wäre dann wohl am dampfen aber wenigstens hätten wir keine wendehälse mehr
Darum fühlt sich der Sämi auch bedroht.
http://www.20min.ch/news/schweiz/story/27206965
Das wäre der erste der am Galgen hängen würde.
greet.
Hängt mich sofort, die Armee gehört abgeschafft! Die Meinung von euch exekutionsgeilen Sicherheitsfanatikern ist wohl kaum ernst zu nehmen..
Moritz L.
Ihre Provokationen und Diffamierungen interessieren uns etwa gleich viel, wie wenn ein Fahrrad am Pekinger Hauptbahnhof umfällt.
@Moritz L.
Jedes Land hat eine Armee, entweder die Eigene oder eine Fremde.Die Eigene ist mir immer noch lieber als eine Fremde.
Mir gefällt der Unterton in “…US-Militärberater…” nicht. Als ob gerade die USA nicht wissen, wie man Krieg führt. Dies sind typische AUNS, ev. GSoA Töne. Ansonsten respektabler Artikel, zumindest für die Schweizer Verhältnisse, der ins Grüne trifft.
Irgendwer setzte mal einen Kommentar über die Abgangsentschädigung von Herrn Nef und erwähnte dabei den Namen Buchs o.ä. Find den Kommentar leider nicht mehr, passt aber zum Kommentar 2 von Master of.
In den TeleZüri-Nachrichten kam heute dieser Herr Buchs zu Wort. Nicht mit Mord hätte er Herrn Schmid gedroht, lediglich wollte er diesem Mann, der für den Tod seines Sohnes (Jungfrau) verantwortlich ist, in die Augen sehen. Aber dazu kam es nicht, weil man Herrn Schmid schnell wieder hinter eine Hintertüre reinbugsierte.
Mit Herrn Couchepin konnte er zwar sprechen, wobei der nur davon sprach, dass auch sein Vater im Militätdienst den Tod fand.
Also passt auf ihr Lieben da draussen. Sollte euch mal jemand in die Augen schauen wollen, vielleicht auch ein Gespräch mit euch suchen wollten, so seid bitte vorsichtig, es könnte ja indirekt eine Morddrohung sein.
Vielleicht hat der eine oder andere Gelegenheit die Wiederholung der TeleZüri-Nachrichten zu sehen.
1. die armee braucht einen deckel (flugzeuge), ohne luftüberlegenheit können am boden keine bewegungen durchgeführt werden.
2. die panzerwaffe darf nicht verkleinert werden. der MBT leo A4 sollte möglichst rasch auf die stufe A6 gebracht werden, so dass er sich gegen die T80, T90 behaupten kann.
3. die infanterie benötigt dringend neue panzerabwehrlenkwaffen (FGM-148 Javelin).
4. ich wiederhole mich: erster auftrag der ch-armee ist die landesverteidigung. d.h. ein strategiewechsel muss eingeleitet werden.
5. depots werden im kriegsfall als erstes angegriffen, deshalb ist die lagerhaltung der ch-armee anzupassen, d.h. dezentral und die armee holt sich ihr material.
wer einen einigermassen schnellen computer besitzt, sollte einmal operation flashpoint “spielen”.
warum:
1. kann man dort selber übungsszenarien anlegen und jeweils gleich die verändernungen mitverfolgen (ki ist nicht schlecht.).
2. es gibt eine grosse anzahl von fahrzeugen und material, das man ausprobieren kann und es stehen verschiedenste landschaften zur verfügung.
3. jahres- tageszeiten können angepasst werden, gleiches gilt auch fürs wetter.
4. man kann sich mit kollegen übers internet zusammenschliessen und übungen gemeinsam durchspielen. spätestens dort merkt man wie wichtig funkdisziplin ist.
fazit:
für mich war dieses spiel ein wahrer augenöffner.
link:
http://ofp.gamepark.cz/index.php?sekce=news
etwas vom widerlichsten was ich je gesehen habe:
http://www.pi-news.net/2008/09...../#comments