Winkelried

25. Juni 2008 von Gastbeitrag - 5 Kommentare

Mit der Reform «Armee XXI» wurde das während Jahrzehnten bewährte, wohldurchdachte Ausbildungskonzept der Schweizer Milizarmee vollständig umgekrempelt. Der Milizoffizier wurde von jeglicher Ausbildungs-Verantwortung befreit. Ausbildung müsse künftig «professionell» vermittelt werden.

Bis vor wenigen Jahren hatten neue Kompanie-Kommandanten und Zugführer während des Abverdienens das Ausbilden der Mannschaft einzuüben. Die in neuer Funktion dienenden Offiziere wurden während der Länge einer ganzen Rekrutenschule gründlich darin ausgebildet, wie Mannschaft auszubilden ist, damit sie die von ihr erwartete Leistung schliesslich erbringen könne.

Ausbildung als Ausbildner

Die in ihre neue Funktion hineinwachsenden Offiziere waren in dieser Ausbildungszeit aber nicht einfach auf sich selbst gestellt - sie wurden kontrolliert und begleitet von erfahrenen militärischen Lehrern, den Instruktoren. Während des Abverdienens lernten sie, was Untergebenen zumutbar ist, welches ihre Lernkapazität ist, wie mit ihnen umzugehen ist, auf dass sie zur tüchtigen, ihren Auftrag erfüllenden Truppe zusammenwuchsen.

Und, entscheidend: Der junge Offizier lernte mit der Verantwortung des Ausbildners den Auszubildenden gegenüber umzugehen. Er sammelte dazu umfassende Erfahrung, auf die er sich später als Kommandant im Wiederholungskurs stützen konnte. Insgesamt ein Ausbildungs-Konzept, das gleichsam massgeschneidert auf die Schweizer Milizarmee ausgerichtet war und das sich jahrzehntelang bestens bewährt hat: Der junge militärische Führer lernte im Angesicht der ihm anvertrauten Mannschaft seine Verantwortung als Ausbildner von Grund auf kennen.

«Lehrlinge bilden Lehrlinge aus»

Dieses bewährte System kam vor rund zehn Jahren in Verruf. Die Reform-Architekten von «Armee XXI» - gefangen von als überlegen bewunderten ausländischen «Vorbildern» - begannen über das Schweizer System zu spötteln: Ein Konzept «Lehrlinge bilden Lehrlinge aus» hätte in einer «modernen» Armee nichts mehr zu suchen, sagten sie. Ausbildung müsse durch Profis vermittelt werden.

Der Chef VBS folgte - trotz nachdrücklich vorgebrachter Warnungen aus verschiedensten Kreisen, nicht zuletzt seitens erfahrener Offiziere - den Neuerern. Die angehenden Miliz-Kommandanten wurden von jeglicher Ausbildungs-Verantwortung befreit. Ausbildung ist in der «Armee XXI» ausschliessliche Domäne von Berufsoffizieren.

Indem Miliz-Kommandanten fortan nur Einsätze zu kommandieren hätten, glaubte man, den Weg zum Offizier zeitlich entscheidend abkürzen zu können. Das ist zwar gelungen. Die Folgen dieser Neuerung wurden allerdings zu wenig bedacht. Der tödliche Unfall auf der Kander ruft diese Folgen jetzt auf alarmierende Weise in Erinnerung.

Ausbildungs- und Einsatzverantwortung

Wer persönlich Verantwortung trägt für die Ausbildung seiner Einheit, der lernt diese Einheit offensichtlich weit besser kennen als der, der ihr nur als Kommandant für Einsätze vorangestellt wird. Gerade für militärische Einheiten, die gegebenenfalls äusserst schwierige, ja lebensbedrohliche Einsätze zu leisten haben, ist auf gemeinsamer Erfahrung beruhendes Vertrauen zwischen Führung und Mannschaft unabdingbar. Das wurde gegenüber jenen VBS-Technokraten, die für die «Armee XXI» Ausbildungs-Verantwortung und Einsatz-Verantwortung mutwillig entzweiten, mit gebührendem Nachdruck wiederholt angemahnt - freilich vergeblich.

Es geht beileibe nicht darum, Berufsoffiziere gegen Milizoffiziere auszuspielen. Auch damals, als Ausbildungsverantwortung und Einsatzverantwortung für den Miliz-Kommandanten noch ungeteilt galten, spielte der Instruktor als militärischer Lehrer eine zentrale, unverzichtbare Rolle. Die Rolle, die nur der Instruktor übernehmen konnte: Er beaufsichtige den selbst sich in Ausbildung befindenden jungen Offizier, der seinen neuen Auftrag als Ausbildner der ihm untergebenen Mannschaft anzupacken und zu erfüllen hatte. Dabei wurde für den Instruktor nicht zuletzt deutlich, welcher junge Kommandant ein verantwortungsbewusster, umsichtiger und fähiger militärischer Führer war - und wer sich als draufgängerischer Rambo glaubte profilieren zu können. Im neuen Ausbildungs-Konzept, wie es im Rahmen von «Armee XXI» eingeführt wurde, kann dies erst im Rückblick erkannt werden - dann, wenn im Einsatz verhängnisvolle Fehler Tatsache geworden sind…

Das ist die Lehre, die aus dem tödlichen Unfall auf der Kander gezogen werden könnte. Im Angesicht von fünf tödlich verunglückten Schweizern gezogen werden müsste.

Die Schuldfrage

Klar ist: Die unmittelbare Verantwortung für einen konkreten Militäreinsatz trägt jener Offizier, der den betreffenden Einsatz angeordnet und befohlen hat.

Dies befreit jene, die ein bewährtes, durch und durch miliztaugliches Ausbildungs-Konzept mittels Diffamierungen nach der Art «Lehrlinge bilden Lehrlinge aus» mutwillig verspottet und zerstört haben, aber nicht von Mitverantwortung. Mitverantwortung dafür, dass heute Kommandanten, die keine Ausbildungs-Erfahrung während ihrer eigenen Ausbildungszeit sammeln können, Truppen-Einheiten zu befehligen haben.

Es war die VBS-Spitze, es war Departements-Vorsteher Bundesrat Samuel Schmid, der, geblendet von in der Nato für Berufsarmeen entwickelten Ausbildungs-Konzepten, das schweizerische, massgeschneidert auf unsere Milizarmee ausgerichtete Ausbildungs-Konzept mutwillig über Bord geworfen hat. Mit den jetzt sichtbar werdenden Folgen. Nicht nur der verantwortliche Kommandant des Kander-Einsatzes ist für diese Folgen zu belangen. Auch jene sind schuldig, die dem nun in Strafuntersuchung stehenden Kommandanten verunmöglicht haben, rechtzeitig jene Erfahrung zu sammeln, die ihn, wenn er sie hätte nutzen können, möglicherweise dazu gebracht hätte, das Kander-Abenteuer nicht zu riskieren…

(Ulrich Schlüer, Schweizerzeit)


  1. Fuchs

    Als wäre es nicht der Wille, unserer gewählten Landesverräter in Bern, eine Berufsarmee einzuführen.
    Denn bei einer Milizarmee liegt die Militärhoheit beim Volk, was eine Diktatur à la EU verunmöglicht oder min. erschwert.

    Oder wie wollen die Iren sich wehren, wenn Brüssel Ihnen die “richtige” Wahlentscheidung diktieren?

  2. Echnaton

    Die Armee hat sofort reagiert: Alles was nicht 110% sicher ist, ist verboten. So verhindert man wenigstens die Schlagzeilen und sei es auf Kosten der Verteidigungsfähigkeit.
    Auch eine Strategie.

  3. Fragender

    Fuchs, und wie willst Du Dich wehren wenn heute nur noch jeder 5. Familie (im Gegensatz zu jeder 2. wie bis vor 20 Jahren) ein Soldat entspringt? Die Miliz wird dann diskutiert, wenn es wie in ca. 15 Jahren dann, zu wenig Soldaten für die Armee gibt. Eine Berufsarmee wird es aber auch dann nicht geben. Das steht immer noch so in unserer Verfassung. Und wie man die Ändern kann hat glaub ich jeder in der Schule gelernt.

    Und Echnaton, alles was nicht sicher ist, war auch schon früher in der Armee verboten.

  4. zero

    Als Offizier (Hptm) pflichte ich dem Artikel aus der Schweizerzeit vorbehaltlos zu. Ich empfand es als Unteroffizier oder als Offizier nie als Nachteil, in meiner jeweils neuen Rolle (Kpl, Lt, Oblt, Hptm) auszubilden. Natürlich brauchte ich dafür viel Zeit für die Vorbereitung, um “meine” Leute nicht unnötig rumstehen zu lassen, aber das war mir eine zufriedene Mannschaft wert. Zudem war ich ja nicht alleine - die Instruktoren unterstützten und begleiteten mich. Einmal mehr muss man hinterher sagen, dass die Fachleute - Offiziere bis in die höchsten Ränge - die davor gewarnt haben, Ausbildung und Führung zu trennen, Recht erhalten. Aber weil es an Führung sowohl im BR als auch im degenerierten Parlament völlig fehlt, wird auch nichts geändert. Es wir nur noch reagiert und nicht mehr agiert.

    Inzwischen sind wir so weit, dass in manchen Rekrutenschulen am Schluss noch nicht einmal mehr Kompagnieabende veranstaltet werden. Die Verantwortlichen haben Angst, dass einer über die Stränge schlagen und damit negative Schlagzeilen produzieren könnte. Selbst diese harmlosen Vergnügen gönnt man den jungen Männern im spritzigsten Alter nicht mehr! Die Armee schafft sich mit Hilfe der Linken von FDP, CVP bis SP selber ab.

  5. Waldfee

    Wie ich hier schon an anderer Stelle sagte, erst wurde das Schulsystem modernisiert und nun auch noch die Armee. Mir scheint, das alles ein wohldurchdachter Plan ist um das Volk erst zu verdummen und dann auch noch zu verweichlichen, so ist es geschwächt und frisst gut aus der Hand von denen die das Sagen haben oder denken sie hätten es. Wenn ein Volk schwach ist und ungebildet dann ist es verwundbar, kann sich gegen äussere Einflüsse kaum wehren und schlimm daran finde ich, das Volk merkt es gar nicht, denn dafür sorgen die Medien. Früher war alles besser pflegt man zu sagen. Das stimmt nicht ganz denn sicherlich wird sich das Leben immer weiter entwickeln. Nur es kommt immer drauf an auf das Wie. Nehmen wir mal das Beispiel der Schule. Früher lernten die Kinder rechnen, schreiben und lesen, sie gingen zur Schule um zu lernen, der Lehrer lernte den Kindern was sie lernen mussten. Heute müssen die Lehrer die Kinder erziehen, nehmen also die Rolle der Eltern ein. Auch ein gutes Beispiel ist die ganze Ernährungslehre oder wie ich lieber sage Ernährungswahnsinn. Das bringt schlussendlich nur denjenigen etwas die damit Geld machen und genau darum geht es auch.






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